Rückzug aufs Land - das stille Wilhelmsthal
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Von Wilhelmshöhe aus geht der Weg über die Rasenallee nach Norden. Nach etwa 9 km trifft der Besucher nahe dem Ort Calden, auf ein Kleinod des Rokoko – ein Stück Frankreich auf hessischem Boden. Park und Schloss Wilhelmsthal ließ Landgraf Wilhelm VIII, der Gründer der Kasseler Gemäldegalerie, ab 1743 in ländlicher Umgebung als Sommerresidenz, Lust- und Jagdschloss errichten. Die Fertigstellung sollte er nicht mehr erleben.
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Der Schlossbau ist eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Region und gehört zu den wichtigsten erhaltenen Schöpfungen des Rokoko. Herausragende Künstler des 18. Jahrhunderts waren am Bau beteiligt. Der Entwurf nach „neuestem französischen Geschmack“ einer „maison de plaisance“ kam von dem bayerischen Hofarchitekten François de Cuvilliés d. Ä. Die kostbare Innenausstattung mit geschnitzten Wandvertäfelungen, Stukkaturen und zahlreichen Gemälden von höchster Qualität schufen der Bildhauer Johann August Nahl, der zuvor schon in Berlin und Potsdam für Friedrich den Großen gearbeitet hatte, der Hofstukkateur Johann Michael Brühl und der Kasseler Hofmaler Johann Heinrich Tischbein d. Ä.
Vom nie ganz fertiggestellten Rokokopark aus der Mitte des 18. Jahrhunderts sind noch Teile erhalten: die südliche Achse mit dem Kanal und der Grotte, die unter Mitwirkung des berühmten preußischen Baumeisters Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff entstand, sowie der frühere Ententeich. Von der teilweise durch Linden gefassten Mittelachse ist noch das ehemalige Wasserbassin, mit dem die geplante Kaskade gespeist werden sollte, als Bodenvertiefung zu erkennen. Das heutige Aussehen des Gartens wird jedoch insgesamt von der Umgestaltung zum Landschaftsgarten bestimmt, die Landgraf Wilhelm IX von 1796 bis 1806 von seinem Hofgärtner Daniel August Schwarzkopf durchführen ließ. In dieser Zeit entstand nach den Plänen des namhaften Kasseler Architekten Simon Louis Du Ry auf einer Anhöhe der Wartturm als künstliche Ruine, die Baumkronen überragend.
Der Turm weist auf eine Besonderheit der Wilhelmsthaler Anlage hin: Das Schloss liegt entgegen den Regeln am tiefsten Punkt, fast verborgen im Talgrund. Die Hauptachse steigt zu beiden Seiten hin an, nach Osten dem Park die Mitte gebend, nach Westen als Allee zum zugehörigen Tiergarten, dem Jagdgebiet der Hofgesellschaft. Am eindrucksvollsten ist diese Szenerie von den Festräumen im ersten Geschoss aus zu erleben. Eine Führung durch die wunderschönen, im Original erhaltenen Räume ist deshalb ein Muss beim Besuch des Schlosspark Wilhelmsthals.
Von den drei Kasseler Residenzgärten ist Wilhelmsthal der am wenigsten von den Zeitläufen berührte Park. Wie zu seiner Entstehung von Feldflur und Wald umgeben, entspricht er der Forderung der UNESCO nach Unversehrtheit und Echtheit in hohem Maße. Schloss und Park bilden alljährlich den Rahmen für die Eröffnung des „Kultursommers Nordhessen“, dessen Veranstaltungsreihe mit Konzert und Picknick im Park beginnt.
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