Erinnerung mit Wohlbefinden

An Mutters Küche denkt der Mensch ein Leben lang

Das beweist uns wieder einmal, wie abhängig unser Geschmack von den Erinnerungen an die mütterliche Küche ist.

Wer mit seiner Leibspeise groß geworden - oder klein geblieben - ist, sehnt sich sein Leben lang nach diesem Gericht.

Deshalb fühlen sich Österreicher in Tokio so wohl. Dort gibt es spezielle Kaffeehäuser, in denen der große Braune fast besser schmeckt als in Wien. Und Deutsche im Ausland vergießen Tränen der Rührung, wenn die das Wort „Sauerkraut“ lesen. Das kann man überall lesen, in Babylon in Keilschrift sowie in Rimini mit dem Zusatz „und Würstel“.

Wir sind unheilbar sentimental, wenn es um unsere Leibspeisen geht. Nicht die Leckereien, die wir im Laufe unserer Suche nach kulinarischer Qualität bei einem Meisterkoch gegessen haben und die so unvergesslich sind wie die Fahrt durch die Sahara. Nein, nicht derartige Extravaganzen machen auf uns Eindruck, sondern diese blöden Wirsingrouladen, die Mutter mit Bindfäden verschnürte wie Christo und Jeanne-Claude den Reichstag verschnürt haben. Diese Bindfäden sind es die uns an die Kindheit erinnern, an den sorgenfreien Abschnitt unseres Lebens, und während wir die meterlangen Fäden am Tellerrand häufeln, werden wir uns unserer Identität bewusst.

Die Identität eines Menschen gibt sich bei seiner Leib- und Magenspeise zu erkennen. Für den Pfälzer ist das der Saumagen, für Bayern ihre Haxe. Der Preuße erkennt sich in den Kartoffelklößen wieder, der Rheinländer im Rübenkraut, das er auf seine Reibeplätzchen schmiert.

Es sind wahre Glücksmomente, wenn auch nicht immer für den Magen, so aber für die Seele, wenn einem durch einen Biss ins Komissbrot klar wird, wer man ist und wohin man gehört. Deshalb sollten wir uns nicht über die Polen lustig machen, wenn die sich um den Suppentopf drängen. Ganz zu schweigen vom Chinesen, der zwar seinen Zopf geopfert hat, aber nie auf den Genuss verzichten würde, den er empfindet, wenn er die Knöchelchen eines Chow-Chows benagt. Wir alle haben nicht nur eine Muttersprache, sondern auch ein Leib- und Magengericht, das uns glücklich macht, weil die Mutter es gekocht hat.

Kann man sich einen Franzosen vorstellen, der zu Weihnachten keine Foie Gras auf dem Teller hat? Einen Russen ohne Kaviar und Wodka?

Auffällig ist allerdings, dass als Bezugsperson für eine Regionalspeise immer der Deutsche, der Franzose und der Pole herhalten muss. Also der Mann von der Straße, wie er genannt wurde, als die Straßen noch den Fußgängern zu Verfügung standen. Niemals reden wir von den Tränen der Erinnerung, die ein Staatsoberhaupt vergießt, wenn er über einem Teller Rote Grütze sitzt. War es Bismarck? Oder Störtebeker? Und das Lieblingsessen des Alten Fritz? Nach allem was uns die Geschichtsbücher lehren, muss es die Kartoffel gewesen sein. Die liebte er fast so sehr wie seine Windhunde, was ihn als Vegetarier ausschließt. Karl der Große soll sogar schon zum Frühstück einen Sachsen verzehrt haben, weil er die falsche Religion besaß (der Sachse, natürlich).

Ist sie nicht wunderbar, diese Vielzahl der Lieblingsspeisen? Man stelle sich vor, alle Menschen wären in ihrer Jugend mit der gleichen Speise gefüttert worden, beispielsweise mit Hamburgern. Dann würde niemand einen Staatslenker beim löffeln seiner Leibspeise beobachten können, weil alle damit beschäftigt wären, Tränen der Erinnerung auf globalisierte Wattebrötchen zu vergießen. [bs]


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